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Schnurlos, aber nicht risikolos: Telefonieren mit dem home-Handy

  


Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, halten digitale schnurlose Telefone Einzug in Wohnungen und Büros. Sie bergen aber wegen ihrer engen technischen Verwandtschaft zu den „grossen“ digitalen Mobilfunksystemen (D- und E-Netz) gleiche biologische Risiken. Deswegen müssen diese home-Handies kritisch betrachtet werden.

Dr.-Ing. Martin H. Virnich
Veröffentlicht : Fachzeitschrift Baubiologie 1/99

 Siegeszug der „home-Handys“

Die digitalen D- und E-Netz-Mobilfunksysteme werden seit ihrer Einführung von Wissenschaft und Medien kontrovers diskutiert - aus sozialen wie gesundheitlichen Gründen. Mobilfunk-Handies in der Öffentlichkeit fallen auf - ebenso wie die vielen tausend Basisstationen, die zum Betrieb der Mobilfunknetze notwendig sind: Antennen auf Stahlgittermasten, auf ausgedienten Industriekaminen, Hochhäusern - auch inmitten von Wohngebieten -, auf Wassertürmen und mittlerweile selbst auf Kirchtürmen.

Von der Öffentlickeit dagegen fast unbemerkt, haben in Wohnungen und Büros die schnurlosen digitalen, so genannten „home-Handies“ ihren Siegeszug angetreten. Ihre Benutzung scheint mittlerweile bereits selbstverständlich zu sein. Film und Fernsehen spiegeln es wider: In Krimis, Spielfilmen und den beliebten TV-Seifenopern wird viel telefoniert. Achten Sie einmal darauf: Kaum ein in jüngerer Zeit produzierter Film, in dem noch mit einem schnurgebundenen Apparat telefoniert würde. Schnurlos und mobil ist angesagt.

Während der Markt der „grossen“ Mobilfunksysteme heiss umkämpft ist, verkaufen sich die „kleinen“ schnurlosen Telefone fast wie von selbst, insbesondere diejenigen mit komfortabler digitaler Technik nach dem DECT-Standard. Ihr Anschaffungspreis ist kontinuierlich gesunken, was von den Käufern mit Freude zur Kenntnis genommen wird. Dass sie den zusätzlichen Preis eines besonderen gesundheitlichen Risikos mit in Kauf nehmen, ist der Öffentlichkeit kaum bekannt. Und wer bringt schon von sich aus das neu angeschaffte schnurlose DECT-Telefon in Zusammenhang mit ebenfalls neu auftretenden „unerklärlichen“ Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Ohrensausen (Tinnitus) oder anderen Symptomen? Konstatiert ein baubiologischer Messtechniker mit seinen Geräten bei einer Hausuntersuchung DECT-Signale in der Wohnung - die aus den eigenen vier Wänden oder aus der Nachbarschaft stammen - und wird das fragliche Telefon abgeschaltet, so verschwinden meist auch bald die Symptome.

 Der DECT-Boom

Der Anteil DECT-Telefone am Gesamtumsatz der Schnurlosen beträgt in Deutschland bereits 75 Prozent, mit weiter steigender Tendenz. Demgegenüber verlieren die Geräte mit der älteren analogen Technik immer weiter an Bedeutung.

Schnurlose Telefone sind hochwertige Konsumartikel, sorgfältig und aufwendig designed. Der Verkäufer empfiehlt natürlich das Modernste und Beste: Excellente Sprachqualität, höchster Komfort, bis zu acht Mobilteile anschliessbar, grosser Mobilititätsbereich, menügesteuerte Bedienerführung in sieben Sprachen, Makro- und Namenstasten, Easy-to-use Handy-Benutzeroberfläche und dergleichen Features und Functions mehr. Kurz: Ein modernes digitales Gerät nach dem jüngsten technischen DECT-Standard. Und der Verkäufer muss ja wissen, was gut ist!

Was die Verkäufer dieser Geräte nicht sagen - weil man es ihnen wahrscheinlich auch nicht gesagt hat und was sie daher meist selbst auch gar nicht wissen: Die so gepriesenen schnurlosen DECT-Telefone mit ihren hervorragenden technischen Daten können gleichen besondere biologische Effekte im menschlichen Organismus hervorrufen wie ihre „grossen“ Brüder’, die Mobilfunk-Handies. Jene funktionieren nach dem technischen Standard GSM (Global System for Mobile Communications), die digitalen home-Handies nach dem technischen Standard DECT. DECT bedeutet „Digital Enhanced Cordless Telecommunications“, also ‘„digital ausgerüstete schnurlose Telekommunikation’“. Mit dem Zusatz GAP (Generic Access Profile) soll sichergestellt werden, dass auch Systemkomponenten - also Mobilteile und Basisstationen - unterschiedlicher Hersteller miteinander kommunizieren können.

Den „grossen“ GSM-Systemen und den „kleinen“ DECT-Geräten liegt das gleiche technische Prinzip zugrunde: Digitale Übertragung mit periodisch gepulster Strahlung. Und genau diese periodisch gepulste Strahlung hat die GSM-Handies frühzeitig zum Zielpunkt der Kritik werden lassen!

 Der Puls machts

Die mit 217 Hz periodisch gepulste Strahlung stellt ein „Markenzeichen“ der digitalen Mobilfunksysteme dar. Ihm verdanken Sie zu einem guten Teil ihre technische Leistungsfähigkeit. Aus verschiedenen Untersuchungen ist aber auch seit Jahren bekannt, dass diese gepulste Strahlung - im Gegensatz zu ungepulster - ein besonderes biologisches Risiko darstellt.

So wurden an der Universitätsklinik Lübeck schon vor mehreren Jahren Veränderungen der Hirnströme im EEG (Elektroenzephalogramm) des Menschen unter dem Einfluss dieser periodisch gepulsten hochfrequenten Wellen beobachtet, die bei ungepulster Strahlung nicht auftreten. Einflüsse auf die Schlaf- und Traumphasen des Menschen wurden an der Universitätsklinik Mainz festgestellt. Ein australisches Forscherteam veröffentlichte 1997 die Ergebnisse von Tierversuchen, in denen erhöhte Krebsanfälligkeit bei Mäusen festgestellt wurde; das Experiment fand im Auftrag der australischen Telekom statt, die eigentlich die Wirkungslosigkeit der gepulsten Strahlung hatte demonstrieren wollen. Und eine jüngst veröffentlichte Studie der Berliner Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) bestätigt die bereits jahrelang bekannten und immer wieder angezweifelten Einflüsse auf die Hirnströme als deutlich messbar im EEG. Zweifel meldeten insbesondere die Industrie und Netzbetreiber an, ergaben doch von Ihnen in Auftrag gegebene Untersuchungen regelmässig keine Auffälligkeiten im EEG. Nun belegt die Studie der Berliner BAUA, dass die EEG-Veränderungen auch nicht an beliebigen Punkten des Gehirns, sondern nur in speziellen Arealen auftreten, insbesondere im rechten Scheitel- und Hinterhauptbereich. Wer an anderen Punkten misst, registriert nichts Auffälliges und verkündet dann: Keine Effekte festgestellt!

Trotz aller warnenden Untersuchungsergebnisse gelten die mit periodisch gepulster Strahlung arbeitenden Systeme offiziell als unbedenklich, da sie keinen der geltenden Grenzwerte überschreiten. Diese Grenzwerte basieren allerdings allein auf der Wärmewirkung von hochfrequenter Strahlung; Auswirkungen auf die empfindlichen Regelungssysteme des menschlichen Organismus (wie z.B. Nerven- und Hormonsystem, Immunsystem, Zellkommunikation) sind hierin überhaupt nicht berücksichtigt. WHO (Weltgesundheitsorganisation) und EU (Europäische Union) bemühen zur Zeit jeweils zweistellige Millionenbeträge für Forschungsprojekte, um nähere Aufschlüsse über biologische Wirkungen des digitalen Mobilfunks zu erhalten - derweil sind weltweit bereits über 100 Millionen Mobilfunk-Handies im Einsatz.


Dipl.-Ing. Hansmartin Kirschmann
VDB-zertifiziertes Ingenieurbüro
Aichelestr. 9
70599 Stuttgart
Tel: 0711-23607-80
Fax: 0711-23607-82

Initiativen:
Berufsverband Deutscher Baubiologen VDB e.V.
Baubiologische Beratungsstelle IBN-autorisiert
Verein Deutscher Ingenieure VDI e.V.
Institut der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute AGÖF e.V.
Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie DGUHT e.V.