REPORT MAINZ, SENDUNG: 21.08.2000
Moderation Bernhard Nellessen:
Es war Hans Eichels dickstes Ding. Dahinter verblasst sogar sein Poker um die Steuerreform. Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen spielte fast 100 Milliarden Mark in die Bundeskasse. Von so was kann ein Finanzminister nur träumen. Was aber ist die Kehrseite der Medaille? Damit UMTS in Deutschland richtig funktioniert, muss das Mobilfunknetz viel enger geknüpft werden. Experten rechnen mit 60.000 neuen Sendemasten - viele davon in Wohngebieten. Wie gefährlich die Strahlung dieser Sendeanlagen für Menschen und Tiere ist, darüber streiten die Fachleute. Ein Beitrag von Sebastian Bösel und Wolfgang Huhn.
Bericht:
Champagner auf ein Milliardengeschäft. Ende vergangener Woche in Mainz. Fast drei Wochen steigerten die Mobilfunkanbieter um die wertvollen UMTS-Lizenzen. Am Ende Gesamtgebot für die Frequenzen: 98,8 Milliarden Mark.
O-Ton, Horst Lennertz, e-plus:
»Wir sind begeistert. Wir freuen uns für e-plus, dabei sein zu können und in dem Markt eine ganz wichtige Rolle spielen zu können.«
O-Ton, Gerhard Schmid, MobilCom:
»Ich fühle mich ganz klasse, weil wir haben lange darauf hingearbeitet, haben uns gut vorbereitet. Jetzt haben wir das Ziel erreicht, haben eine Lizenz, und demnächst fangen wir dann an zu arbeiten, dass die Kunden einen Service bekommen.«
Am Rande der Versteigerung: Demonstration von Bürgern, die Angst haben vor der neuen Technik. Sie fürchten mehr Strahlenbelastung durch UMTS. Denn für die neue Mobilfunkgeneration müssen die Anbieter ein völlig neues Netz aufbauen.
O-Ton, Michael Rebstock, Viag Interkom:
»Die bestehenden Mobilfunkbetreiber werden ihre Netze verdichten müssen. Neue Netzbetreiber werden neue Netze aufbauen. Und wir rechnen damit, dass langfristig für eine flächendeckende gute UMTS-Versorgung in Deutschland bis zu 60.000 neue Antennen notwendig sind.«
60.000 neue Antennen für das neue System. Für manche sind das jetzt schon zu viele. Eine Bürgerinitiative in Kassel. Treffpunkt: eine Kirchengemeinde. Nicht der Glaube eint sie, sondern die Angst vor einer Mobilfunkantenne. Seit einigen Wochen steht die Antenne in ihrem Stadtteil.
O-Ton, Adelheid Nixon, Bürgerinitiative gegen Mobilfunk:
»Nach den ganzen Informationen, die wir jetzt in dieser kurzen Zeit zusammengetragen haben, kann ich einfach nicht anders denken als wie, dass es gefährlich ist. Es ist gefährlich, ich habe ein kleines Kind mit fünf Jahren. Ich möchte mein Kind nicht diesen Strahlen aussetzen.«
Proteste gegen die Antennen im ganzen Land. Doch sind die Strahlen wirklich eine Gefahr?
O-Ton, Jutta Brix, Bundesamt für Strahlenschutz:
»Also nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand sind bei Einhaltung der national wie auch international empfohlenen Grenzwerte, und diese enthalten ein hohes Schutzniveau, gesundheitliche Gefährdungen auszuschließen.«
Das stimmt nicht, sagt Josef Altenweger, Bauer im bayerischen Schnaitsee. Direkt neben seinem Hof ein Sendemast. Anfang der 90er Jahre wurde der mit Mobilfunk bestückt. Dazu kam ein weiterer Mobilfunkmast. Seitdem klagen Bauer Altenweger und die Nachbarn über Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Alles nur Einbildung, könnte man sagen. Doch da sind noch die Kühe.
O-Ton, Josef Altenweger, Landwirt:
»Ungefähr 1993 habe ich das erste Mal im Stall gemerkt, dass die Tiere sich nicht mehr normal verhalten wie eigentlich früher. Dann habe ich gesagt, da muss irgendwas los sein. Weil die Milchleistung ist gefallen, die Kalbungen waren nicht mehr normal. Es waren Fehlgeburten dabei, viele Missbildungen. Dann habe ich gesagt, ich muss das dem Veterinärtierarzt melden.«
Der amtliche Tierarzt untersucht Stall, Tiere und Futter. Er findet nichts, was die Fehlgeburten, Missbildungen und Verhaltensstörungen erklären könnte. Er vermutet einen Zusammenhang mit der Mobilfunkstrahlung. Der Amtstierarzt macht Videoaufnahmen von den Verhaltensstörungen. Professor Wolfgang Löscher von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover analysiert und veröffentlicht die Auffälligkeiten von Schnaitsee. Daraufhin melden sich Landwirte aus ganz Deutschland mit ähnlichen Fällen.
O-Ton, Prof. Wolfgang Löscher, Tierärztliche Hochschule Hannover:
»...so dass sich eigentlich diese erste Beobachtung bestätigte durch Beobachtungen in anderen Betrieben. Und auch hier wieder auffiel der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Errichten von Mobilfunksendern und dem erstmaligen Auftreten dieser Störungen in ansonsten gesunden Betrieben.«
In Schnaitsee macht das Bundesamt für Strahlenschutz Messungen und gibt Entwarnung. Die Strahlung weit unter den Grenzwerten. Also kein Zusammenhang zwischen der Mobilfunkanlage und den kranken Rindern.
O-Ton, Jutta Brix, Bundesamt für Strahlenschutz:
»Bei Werten die um Faktor 100 oder 1000 unterhalb der Limits liegen, sahen wir keinen Anlass, hier weiter nach einer Kausalität zu suchen.«
Doch die Grenzwerte, an denen sich das Bundesamt orientiert, taugen nichts. Das sagen immer mehr Fachleute wie auch Messtechnikexperte Professor Günter Käs.
O-Ton, Prof. Günter Käs, Universität der Bundeswehr München:
»Unsere gegenwärtigen Grenzwerte sind deswegen völlig unzureichend, weil sie sich nur an Wärmewirkungen orientieren. Das heißt, es wird versucht, eine Überhitzung des Gewebes zu vermeiden. Alle anderen biologischen Effekte, die mit Wärmewirkungen nichts zu tun haben und bei sehr viel geringeren Intensitäten stattfinden, werden dabei außer Acht gelassen.«
Bestätigung vor drei Wochen in Salzburg auf einem internationalen Mobilfunkkongress. Über 40 Studien geben Hinweise: Mobilfunkstrahlung kann auch weit unterhalb der bestehenden Grenzwerte wirken. In Versuchen kam es zu Hirnschäden bei Tieren, DNA-, also Erbgutveränderungen in der menschlichen Zellen, Tumorwachstum und Krebs bei Mäusen. Die Konferenz fordert in einer Resolution drastische Senkung des Grenzwertes. Unterzeichnet wurde die Resolution auch von der bundesdeutschen Ärztekammer. Ihre Konsequenz aus den vorliegenden Studien.
O-Ton, Prof. Heyo Eckel, Bundesärztekammer:
»... dass wir präventiv aus Vorsorge für die Bevölkerung eben hier auf eine deutliche Verminderung des Grenzwertes dringen.«
Frage: Ist es nicht fahrlässig von Seiten des Bundesamtes für Strahlenschutz, an den gegenwärtigen Grenzwerten festzuhalten?
O-Ton, Prof. Heyo Eckel, Bundesärztekammer:
»Ich halte das für sorglos, ja, wenn man daran festhält. Und sie werden von uns dringend aufgefordert, sich mit den wissenschaftlichen Ergebnissen, und es handelt sich um seriöse wissenschaftliche Ergebnisse, das sei hier betont, auseinanderzusetzen.«
Und nicht nur damit. Die von den staatlichen Strahlenschützern zur Seite gelegte Akte Schnaitsee muss wohl wieder geöffnet werden. Denn eine gerade fertiggestellte Studie birgt Brisantes. Zwei Jahre lang untersuchten Tiermediziner Bauernhöfe in Bayern und Hessen. Höfe mit und ohne Mobilfunkbelastung. Mit erschreckendem Ergebnis: Auf den Höfen mit Mobilfunkbelastung eindeutig mehr Missbildungen. Und die Tiere verhalten sich anders. Sie zeigen Störungen im Weide-, Fress- und Liegeverhalten. REPORT Mainz liegen Teilergebnisse der Studie vor - eingereicht für eine Tiermedizinertagung in Freiburg. Das Fazit der Wissenschaftler: Die Ergebnisse weisen auf...
ZITAT:
»...Zusammenhänge zwischen Strahlenexposition und Verhalten hin. Es wird vermutet, dass die Strahlenwirkung einer chronischen Stressbelastung ähnelt.« Unglaublich - im Bundesamt für Strahlenschutz weiß man gar nicht von der sogenannten Schnaitsee-Studie.
O-Ton, Jutta Brix, Bundesamt für Strahlenschutz:
»Von unserer Seite ist der Fall abgehackt. Die Messdaten wurden von unserer Seite aus strahlhygienisch bewertet.«
Risiko Mobilfunk abgehakt? Besser nicht. Die neue Studie spricht für dringenden Klärungsbedarf. Doch statt dessen: Die Konzerne feiern schon ihre neue Mobilfunkgeneration. Forschung über mögliche gesundheitliche Risiken von UMTS - bislang Fehlanzeige.
Abmoderation Bernhard Nellessen:
Es geht wohlgemerkt nicht darum den Mobilfunk generell in Frage zu stellen. Aber Hinweisen auf mögliche Gefahren muss dringend nachgegangen werden. Schon mit einem winzigen Bruchteil der UMTS-Milliarden wäre eine fundierte Untersuchung der Strahlenbelastung im künftigen Netz locker zu finanzieren."
Bericht: Sebastian Bösel, Wolfgang Huhn
Kamera: Martin Wolff, Herbert Oppermann, Robert Rosenzweig
Schnitt: Markus Kaul
Quelle: SÜDWESTRUNDFUNK
Dipl.-Ing. Hansmartin Kirschmann
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Verein Deutscher Ingenieure VDI e.V.
Institut der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute AGÖF e.V.
Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie DGUHT e.V.